| |
Geschichte
Besucher des Weinviertels, die das erste mal durch unsere Straßendörfer
reisen, wundern sich über die Ansammlung von sehr einfachen, kleinen Häusern
meist außerhalb der Ortschaft, noch dazu ohne Schornsteine. Sie liegen dicht
aneinander gedrängt am Fuße eines Hanges, oder sie graben sich beidseitig entlang
eines Hohlweges in die Weinrieden. Die wahre Aufgabe dieser Wirtschaftsbauten
erfahren Reisende erst, wenn sie diesen Teil der Arbeitswelt der
Weinviertler vorerst bestaunen und später miterleben. Bestaunen können sie die
Kellergassen am Haugsdorfer Hüatagang, miterleben z.B. zur Zeit der Weinlese.
|
Die Entstehung der Presshäuser verdanken wir
Maria Theresia und ihrem Nachfolger Josef II, die das Handelsmonopol von Bürgern
und Adeligen beschnitten und den Weinbauern erstmals erlaubten, ihren Wein
selbst zu verkaufen. Weingärten, die bis zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich
Eigentum von Stadtbürgern, Adeligen und Klöstern waren, wurden an ortsansässige
Bauern verkauft. Durch diese enorme Steigerung der Besitzeranzahl wurde es
nötig, Lagerflächen zu schaffen. Die Keller wurden vorerst in Robotarbeit
(Abgabe von Naturalien), später auch mittels Nachbarschaftshilfe in den Löss
gegraben und entweder nach Setzen des Erdreiches mit Gurtbögen abgestützt, oder
gänzlich mit Ziegeln ausgewölbt. Da die Straßendörfer unseres Tales direkt an
der Pulkau liegen, war eine Anlage der Erdkeller direkt unter dem Hof, aufgrund
des hohen Grundwasserspiegels nur erschwert- bzw. unausführbar. Die schmalen
Hakenhöfe waren meist viel zu klein für die zusätzliche Errichtung eines
Presshauses. Es mussten Flächen gefunden werden, die aufgrund ihrer Morphologie
schwer landwirtschaftlich nutzbar und somit wertlos waren, nahe bei den
Weinrieden, aber auch nicht allzu weit entfernt von den Orten lagen. Im unteren
Pulkautal boten sich die nördlich der Ortschaft liegenden Hohlwege des
Schatzberges an, die bis dahin nur als Viehtrift dienten, um die Schafe auf die
"Heide" zu treiben.
Kellergassen sind nicht nur eine Aneinanderreihung von
Wirtschaftsgebäuden, sondern auch ein wichtiger gesellschaftlicher Bestandteil
unserer Geschichte und Gegenwart. Den Frühlingsbeginn starten wir, indem wir in
die "Grea" gehen/gingen, viele Spaziergänger und Radfahrer löschen ihren Durst im
Keller, viele gute Ideen sind in der Tiefe der Keller ("und durch tiefes ins
Glasl schauen") entstanden, angeblich wird auch dort Politik gemacht und
natürlich treffen sich hier die vielbesungenen und vielbeschriebenen
"Köllamauna", die in jüngerer Zeit auch teilweise die Anwesenheit von Frauen
akzeptieren.
|
Hüatawesen
|
Wenn die "Weinbeer zur Weichen griffen", um einen alten Weinhauerausdruck zu gebrauchen, also bei
beginnender Reife weich zu werden begannen, wurden von der Gemeinde Haugsdorf vier Weingartenhüter
aufgenommen. Gleichzeitig wurden zwei Gemeinderäte als "Borgen" (Bürgen) bestimmt, welche die Hüter
zu kontrollieren hatten, ob sie ihren Dienst auch gewissenhaft erfüllten. Dies geschah dadurch, dass
Hüter und Borgen mit Pfeifchen ausgerüstet waren. Pfiffen nun die kontrollierenden Gemeinderäte, so
mussten die Hüter ihrerseits pfeifen um so ihre Anwesenheit in den Weinrieden anzuzeigen.
|
Untergebracht wurden die Hüter in dafür eigens
errichteten Hüterhütten. In diesen verbrachten sie mehrere Wochen. Am
ersten Tag des Dienstantritts wurde der mehrere Meter hohe "Hüatabam"
aufgestellt. Mit dem Hüterbaum sollte gezeigt werden: Die Hüata sind
draußen. Zur Ausrüstung des Hüters gehörten
neben dem blauen "Fiata" (Schürze) und einem Wermutstrauß am Hut, natürlich
auch ein meist mit Schnitzereien verzierter fester Knotenstock, manchmal
auch ein Fernglas. Die Sailerchronik berichtet auch von einem Hüterabzeichen. Leider ist kein
derartiges Abzeichen erhalten geblieben. In späterer Zeit bekamen die
Hüter nur mehr einen von der Gemeinde ausgestellten Hüterausweis. Das
Mittagessen wurde vom "Hüatabua" (Hüterbub) oder vom jüngeren Bruder
gebracht. Sonntag vormittag durften die Hüter abwechselnd in den Ort
gehen, um sich gründlich zu waschen und die Wäsche zu wechseln. Als
Entlohnung bekamen die Hüter im Jahre 1947 sechs Schilling Hütergeld für
das Achtel (~1/4 Joch) Weingartenfläche, dazu Wein für den Eigenverbrauch.
In früheren Zeiten wurden die Hüter nur mit Naturalien, also Wein, Brot,
Fleisch und Speck entlohnt. Ein alter Hüterspruch lautet: "Ohne Brot
und ohne Wein, da soll der Teufel Hüter sein." Mit Schluss der Weinlese
endete die Hütersaison. "Da Hüata geht hoam" hieß es dann.
Hüatabräuche im Pulkautal
Ein weiterer Anlass, wo ebenfalls "Hüata" in Erscheinung traten, war das Weinlesefest, welches früher
jedes Jahr vor der Weinlese von der bäuerlichen Familie veranstaltet wurde.
Vor Beginn dieser Tanzveranstaltung wurde von der Ortsmusik und mehreren Ortsburschen in Hütertracht
das für diesen Abend ernannte Bürgermeisterpaar von zu Hause abgeholt.
Die Bürgermeisterin hatte für dieses Fest eine Winzerkrone vorbereitet. Die Hüter brachten die mit
trauben und Früchten über und über geschmückte und behangene Winzerkrone im festlichen Zuge ins Gasthaus.
Im Gasthaussaal war in gewisser Höhe ein mit Weinreben und Laub verdecktes Latten- und Drahtgerüst gespannt. Darin hingen in erreichbarer Höhe Äpfel, Birnen und Weintrauben.
Nun wurde zum Tanz aufgespielt und die Hüter mischten sich unter die Tanzpaare, um aufzupassen, dass
von den herabhängenden Früchten nichts heruntergerissen, also gestohlen wurde. Geschah dies aber - und
das war ja beabsichtigt - so mussten die Hüter trachten, den Dieb oder die Diebin, meist waren es Mädchen
oder Frauen, mit dem gebogenen Griff des Gehsteckens zu fangen und dem Bürgermeister zur Bestrafung
vorzuführen. Mit einem Geldbetrag musste dann der Tänzer seine Partnerin "auslösen".
Am Schluss der Veranstaltung wurde die Winzerkrone versteigert und von den Hütern mit Musik ins Haus
des stolzen Besitzers gebracht.
|
Der Hüatagang - das Weinfest
Der Hüatagang wird bereits seit 1988 abgehalten. Der Grundgedanke und Ursprung
des Haugsdorfer Hüatagangs strömt aus vielen Richtungen: Unter dem
Bewusstsein in der Marktgemeinde Haugsdorf Rotwein von Weltklasse zu produzieren,
alte Brauchtümer und traditionen wieder in Erinnerung zu rufen, auf die
Einzigartigkeit "Kellertrift" aufmerksam zu machen, kurz gesagt: "der Welt"
unsere faszinierende Heimat vorzustellen, wurden Ideen und Kräfte zum Entstehen
eines besonderen Festes zusammengetragen.
Initiator und Organisator Johann Sailer verstand es, in mühevoller
Kleinstarbeit Land und Leute zu mobilisieren. In einer Zeit, wo am Eisernen
Vorhang erst zu rütteln begonnen wurde, noch von keinen
Marketingarbeitskreisen, Regionalbüros oder gar EU-Förderungen für unsere
Region gesprochen wurden, versuchte er, die Winzer und Kellerbesitzer (im ersten
Jahr von Jetzelsdorf) vom Griff zur Eigeninitiative z.B. dem Renovieren von
Presshausfassaden usw. zu überzeugen.
Das erste Fest in Jetzelsdorf war vom Schlechtwetter gezeichnet, konnte aber
dennoch viele Touristen und Besucher von unserer Gegend begeistern.
Im darauf folgenden Jahr war mit dem Hüatagang in Haugsdorf der Erfolg dieses Festes
besiegelt. Der Haugsdorfer Hüatagang lockt nun jedes Jahr Tausende abwechselnd in die Jetzelsdorfer bzw.
Haugsdorfer Kellergasse zum Essen, trinken, Wandern und Genießen.
|
|